martin baumgartner | musiker

„Die fleischseite seiner haut war nach außen gekehrt, die fellseite nach innen, er fror nicht, er roch wie ein toter bär unter maden, seine füße waren die hinterflossen des seehunds, sein sich fortbewegen verursachte ein unangenehmes geräusch, schmatzendes schlurfen durch frühlingsschlamm, seine augen waren zwiebeln eines liliengewächses, faulig glosend, es war eine finstere nacht ohne mondschein flußaufwärts. Das ungeheuer kam aus der meeresbucht, es war über das wasser geschwommen. Der morgen begann es stunden später einzuholen, es wurde sichtbarer, aber nur ein zobel sah ihn, ein hermelin, ein murmeltier, ein fischotter und eine drossel, die auf einem eisendraht saß; der tag kroch aus der schale, »der tag ist ein vogeljunges« , sagte das ungeheuer.
„Zu anbeginn der welt entstanden aus dem nichts die kaffeemühlen und der papierdrachen. Aus dem harmonischen knirschen der mühle und dem lebhaften flattern des drachens entstand der geist des himmels. Er fühlte sich erhaben und gelangweilt. Nach einer zeit wurden kaffeemühle und papierdrachen über den hochmut des geistes zornig: während er schlief, fielen sie über ihn her, warfen ihn in einen abgrund. Aus dem gefallenen geist entstand das wasser. Das war der erste zwischenraum. Eine erde aber gab es noch nicht.“

H.C. Artmann
Die Sonne war ein grünes Ei, Von der Erschaffung der Welt und ihren Dingen.

 

Martin Baumgartner, Jana Klinge, Julian Sartorius

Eine sonderbare Schöpfungsgeschichte; wahrlich! Doch wenn man sichʼs genau überlegt, auch nicht sonderbarer als alle anderen Schöpfungsgeschichten. Genau dies, aber auch viel mehr zeigt und Artmann in seinem kleinen Büchlein und öffnet uns die Augen auf unerdenkliche Zusammenhänge, wunderbare Wesen und mythische Pseudokausalitäten.
Kann man einen so singenden und rhythmischen Text wie H.C. Artmanns Meisterwerk „Die Sonne war ein grünes Ei“ in einen Kontext setzten in welchem die Sprechstimme und die Musikinstrumente einen Mehrwert schöpfen? Dieser nicht einfache Aufgabe stellt sich das Trio um Jana Klinge, Julian Sartorius und Martin Baumgartner, vielleicht auch um zu zeigen wie eine gelesener Text Musik und die instrumentalen Klänge konTEXTualisierene Aufgaben übernehmen können. Artmanns Text scheint auf Anhieb nach Bildern und Klangbildern zu verlangen und oft sind es wohl genau diese welche der Phantasie des Autors und noch mehr des Rezipienten einen Riegel schieben. Aus dieser Einsicht und der noch grösseren Lust es doch zu tun wächst ein Projekt welches den Atem des Theaters, die Agilität der Improvisation, die Präzision wohl artikulierter Phrasen und Sätze und den buntschwarzen Humor des Artmann-Wienerschen Schmähs zusammen bringt und vereint.
Mit der deutschen Schauspielerin Jana Klinge führt eine Stimme durch die Geschichte welcher man, aufgrund ihrer sonoren Wärme und ihrer Klarheit jede Sekunde aufmerksam zuhören will, und doch hält sie eine grosse Palette unerhörter Variationen im Köcher. Für die Welt in diese uns Artmann hier entführt eine perfekte Mischung um all die Wesen und Geschöpfe zu charakterisieren.
Das Instrumentarium bedienen die Beiden Musiker Julian Sartorius und Martin Baumgartner. Wer nun aber tolle Gitarrenlieder zwischen den Kapiteln erwartet sitzt auf dem falschen Dampfer. Baumgartner und Sartorius erzeugen Klangwelten welche nicht primär aufgrund bestimmter Linienführungen und Harmonien funktionieren, sondern Geräuschemusik welche aufgrund ihrer Intensität und Präsenz fesselt und einen Ort für die je persönlichen Phantasien der Rezipienten schaffen. Die von ihnen für dieses Projekt gespielten Instrumente sind Schlagwerk, Toypiano, Computer, Perkussion, Turntables und allerlei Geräuschquellen deren Namen auch für Insider kaum aus zu sprechen sind.